„Versorgungsprobleme können die Energie- und Mobilitätswende ausbremsen“

Johannes Perger, Volkswirt bei der Deutschen Rohstoffagentur in Berlin

Russland zählt zu den weltweit größten Exporteuren metallischer Rohstoffe, darunter Vanadium, Palladium, Aluminium, Nickel und Titan. Ein großer Teil davon geht an die deutsche Stahlindustrie und an die Automobilbranche: Zusammen beziehen sie 44 Prozent ihrer Importe an raffiniertem Nickel und 17 Prozent an Aluminium aus Russland. Wie könnten eventuelle Lieferengpässe, zum Beispiel aufgrund neuer Sanktionen, kurz- und mittelfristig aufge­fangen werden?

Johannes Perger: Russland ist bei den genannten und weiteren Metallen ein global bedeutender Produzent und Exporteur. Bei einigen Spezifikationen von Nickel, Palladium, Titan, Aluminium, aber auch von Stahl, Chrom und Ferrowolfram ist Deutschland stark von Importen aus Russland abhängig. Allgemein gilt: Umso höher die Marktmacht eines Landes auf einem Rohstoffmarkt ist, desto schwieriger wird es, das Land beim Rohstoffbezug komplett zu umgehen. Der Aufbau oder die Erweiterung von Produktionskapazitäten in anderen Ländern wird zum Teil nur mittel- bis langfristig möglich sein. Bei manchen Rohstoffen dürften alternative Lieferländer wegfallende Mengen aus Russland aber auch kurzfristig kompensieren können. Südafrika produziert beispielsweise auch Palladium und Vanadium. Kanada, Norwegen und Australien gehören zu den möglichen alternativen Lieferquellen für Nickelmetall.
Besteht da nicht die Gefahr, dass die eine Abhängigkeit durch eine andere ersetzt wird? Oder dass nun Exportländer wie Indonesien oder die Philippinen zum Zug kommen, in denen es ebenfalls Klagen über Menschenrechtsverletzungen und mangelhaften Umweltschutz gibt? Das Lieferkettengesetz dürfte den Bezug aus diesen Ländern schwierig machen…

Perger: Auch bei anderen Lieferländern müssen Unternehmen Sorgfaltspflichten in der Lieferkette einhalten. Entsprechend ist es wichtig, dass Unternehmen auch hier ihre Lieferanten und Lieferketten auf die Einhaltung zum Beispiel von Menschenrechten oder Umweltstandards prüfen und bei Hinweisen auf Verstößen diesen nachgehen. Grundsätzlich kommt es auf den jeweiligen konkreten Fall an. Bezogen auf Nickel beispielsweise sind besonders negative Auswirkungen auf die Biodiversität zu befürchten, da eine bedeutende Anzahl von Projekten weltweit, aber besonders in den besagten Ländern, in der Nähe von Waldgebieten liegt. Insofern erfordert ein Bezug aus diesen Ländern, dass diese Risiken bewertet und entsprechend Maßnahmen ergriffen werden, um ihnen entgegenzuwirken.

Selbst wenn deutsche Firmen die Primärroh­stoffe nicht direkt aus Russland beziehen: Könnten Unterbrechungen in vorgelagerten Produktionsstufen der Lieferkette am Ende doch zu Engpässen führen?

Perger: Grundsätzlich ist das immer möglich. Viele deutsche Unternehmen beziehen Vorprodukte aus anderen Ländern, vor allem dem europäischen Ausland. Wenn die dortigen Unternehmen bislang von Primärrohstoffen aus Russland abhängig waren, macht sich das auch schnell bis hin zum Ende von Wertschöpfungsketten bemerkbar. Bei Palladium und Industriediamanten ist Russland das bedeutendste Förderland, bei Vanadium, Antimon und Platin jeweils das zweitbedeutendste. Wenn beispielsweise Produzenten von Katalysatoren im europäischen Ausland kein Palladium mehr aus Russland bekämen, würde sich das auch auf deutsche Autobauer auswirken.

Nickel, Titan und Aluminium sind von
zentraler Bedeutung, um die Abhängigkeit der EU von fossilen Brennstoffen zu ver­ringern. Sie werden unter anderem für Solaranlagen gebraucht, in Windturbinen und in Batterien für Elektrofahrzeuge. Wie
gefährdet ist die Energiewende, wenn diese Rohstoffe knapp werden?

Perger: Die Energie- und Mobilitätswende benötigt eine ganze Reihe von Metallen: Stahl, Gusseisen, Zink, Kupfer und Seltene Erden für Windenergieanlagen, Stahl, Aluminium, Kupfer und Silizium für Photovoltaikanlagen sowie Graphit, Aluminium, Nickel, Kupfer, Kobalt, Mangan und Lithium für Batterien. Aktuell sind die globalen Rohstoffbedarfe für diese Technologien im Vergleich mit den globalen Gesamtbedarfen bis auf einige Ausnahmen jedoch gering. In Windenergie- und Photovoltaikanlagen wurden 2020 nach unseren Berechnungen rund 1,1 Prozent der globalen Stahlproduktion verbaut sowie 0,8 Prozent der Kupferproduktion und 0,3 Prozent der Aluminiumproduktion. Höhere Anteile gab es beispielsweise bei Silizium mit 17 Prozent, Silber mit 10 Prozent und Seltenen Erden mit 3 Prozent. Für die Produktion von Lithium-Ionen-Batterien wurden 2020 beispielsweise 67 Prozent der globalen Lithiumproduktion, 33 Prozent der Kobaltproduktion und 8 Prozent der Nickelproduktion verwendet. Für die E-Mobilität sind Aluminium und Titan aufgrund ihrer Verwendung im Leichtbau auch von größter Bedeutung. Grundsätzlich gilt: Natürlich können auch Versorgungsprobleme bei den benötigten Rohstoffen die Energie- und Mobilitätswende ausbremsen, Russlands Position sollte vor diesem Hintergrund aber nicht überbewertet werden.

Bei Titan, welches auch für die Produktion von grünem Wasserstoff eingesetzt wird, kommen je nach Verarbeitungsgrad 33 bis 41 Prozent der deutschen Importe aus Russland. Droht jetzt der Traum von der Umstellung auf grünen Wasserstoff bei der Stahlproduktion zu platzen?

Perger: Die Titanrohstoffe Rutil und Ilmenit kommen weltweit vor und werden vor allem in der Pigmentproduktion und nur zu 6 Prozent in der Metallproduktion genutzt. Potenziell kritisch ist insbesondere die Marktlage beim Vorprodukt Titanschwamm. Hierbei haben China mit 54 Pro­zent, Japan mit 22 Prozent, Russland mit 14 Prozent und Kasachstan mit 7 Prozent die größten Produktionsanteile. Die Titanmetallproduktion findet global breiter gestreut statt, ist allerdings von den genannten Lieferländern abhängig. Im Hinblick auf die Herstellung von grünem Wasserstoff mittels Wasserelektrolyse stehen derzeit aber auch mehrere Technologien zur Verfügung. Nur bei der Polymerelektrolytmembran-Elektrolyse kommt Titan zum Einsatz, bei der marktdominierenden Alkalischen Elektrolyse nicht.

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind die Preise für metallische Rohstoffe stark angestiegen. Anfang März wurde der Handel mit Nickel an der Londoner Rohstoffbörse zeitweilig sogar ganz eingestellt, nachdem sich der Preis schlagartig um 250 Prozent erhöht hatte. Wie werden sich Ihrer Einschätzung nach die Preise entwickeln?

Perger: Nachdem die Metallpreise zu Beginn der Covid-19-Pandemie noch kurzzeitig eingebrochen waren, kletterten diese im Zuge der sich erholenden Weltwirtschaft wieder rasant an. Treiber dieser Entwicklung waren die hohe Rohstoffnachfrage, gekoppelt mit Logistikpro­blemen und später auch hohen Energiekosten. Bereits im Januar 2022 lagen die Metallpreisindizes daher auf neuen Allzeithochs. Der Krieg in der Ukraine trieb dann insbesondere die Preise von Metallen mit großen Produktionsanteilen Russlands und der Ukraine noch deutlich weiter. Der Krieg in der Ukraine, die Omikron-Welle in China, die nochmals gestiegenen Energiekosten und die anhaltenden Transportprobleme dürften die Preisbildung bei Metallen auch weiterhin maßgeblich beeinflussen.

Die Deutsche Rohstoffagentur führt ein Monitoring der Rohstoffbezüge durch, um Engpässe zu erkennen und zu warnen. Aber müssen wir nicht noch weiter gehen?
Manche fordern den Aufbau nationaler Reserven bei kritischen Rohstoffen.
Diskutiert werden auch staatliche Anreize für Unternehmen, Vorräte anzulegen. Was wäre aus Ihrer Sicht der richtige Weg?

Perger: In der aktuellen Krisenlage werden diverse Maßnahmen diskutiert, um die Versorgungssicherheit zukünftig zu erhöhen. Natürlich können kurzfristige Lieferengpässe durch eine größere Lagerhaltung überwunden und damit die Resilienz von Unternehmen gestärkt werden. Im Detail wissen die Unternehmen dann am besten, welche Rohstoffe und Spezifikationen sie in welchen Mengen benötigen. Die Kosten-Nutzen-Frage muss am Ende aber sowohl für Unternehmen als auch – bei staatlicher Unterstützung – für den Staat entscheidend sein. Dass der Trend aktuell weg von Just-in-time Produktionsketten geht, ist allerdings ziemlich deutlich.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

 

ZUR PERSON
Johannes Perger ist Volkswirt und arbeitet bei der Deutschen Rohstoffagentur in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Analysen zu den Märkten von Basismetallen sowie Eisen und Stahl, zum Rohstoffhandel und zu Rohstoffbedarfen von erneuerbaren Energietechnologien.