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Interview mit Alexandra Jour-SchröderInterview mit Alexandra Jour-SchröderWSM: Sie verantworten die Studie der EU-Kommission zur Stahl- und Metallverarbeitung. Die von unabhängigen Experten durchgeführte Studie zeichnet erstmals ein Bild dieser Branche in Europa. Was war Anlass der Analyse und welches sind die wichtigsten Ergebnisse? Alexandra Jour-Schröder: Der Europäischen Kommission ist bekannt, dass der stahl- und metallverarbeitende Sektor zur Wettbewerbsfähigkeit unserer industriellen Basis in Europa beiträgt. Allerdings fehlten uns exakte Daten und Informationen über die Anzahl der Unternehmen, ihre Standorte im erweiterten Europa und ihre Situation im Wettbewerb. Wir wollten ein genaues Bild darüber gewinnen, wie die Industrie aufgestellt ist, wo es Chancen gibt und wo Probleme bestehen. Nur so können wir eine maßgeschneiderte europäische Politik machen. Die 2009 veröffentlichte erste europäische Studie zur Stahl- und Metallverarbeitung enthält eine Reihe von hochinteressanten Erkenntnissen. Wir haben nun erstmals belastbare Zahlen. Die Studie belegt, dass die Stahl- und Metallverarbeitung die größte Branche des produzierenden Gewerbes in der EU nach Anzahl der Unternehmen ist; 12.5% aller Beschäftigten in Europa arbeiten im Bereich Stahl- und Metallverarbeitung. Der Sektor erbringt 10% der Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes. Leider liegt die Produktivität unter dem Niveau in anderen Branchen des verarbeitenden Gewerbes, gerade wegen der hohen Arbeitsintensität. Dies schafft Wettbewerbsnachteile gegenüber anderen Handelsregionen, insbesondere im asiatischen Raum. Eine ganz wichtige Erkenntnis der Studie ist, dass der Sektor trotz seiner Größe „unsichtbar“ ist und das sowohl in wirtschaftlicher und finanzieller als auch in politischer Hinsicht. Dies liegt in erster Linie wohl daran, dass in der Branche besonders viele kleine Unternehmen operieren. Dies führt nicht nur zu einer großen Fragmentierung. Der Sektor ist auch in einer „Sandwich“-Lage, gewissermaßen eingeklemmt zwischen großen Lieferanten wie z.B. der Stahlindustrie und großen Kunden wie z.B. der Fahrzeugindustrie. Das schafft oft Abhängigkeiten in zwei Richtungen. WSM: Welcher Aspekt zur Stahl- und Metallverarbeitung hat Sie persönlich am meisten erstaunt? Alexandra Jour-Schröder: Mich hat erstaunt, dass der Sektor ein doch ein recht negatives Image in der Öffentlichkeit hat. Metallverarbeitung wird immer noch gleichgesetzt mit unattraktiven Arbeitsplätzen, harter körperlicher Arbeit und geringem Einkommen. Dabei liegt heutzutage der Schwerpunkt doch auf der Kopf- und nicht auf der Handarbeit. Eine Imageverbesserung ist dringend notwendig, um genügend junge Menschen für die Metallverarbeitungsbranche zu interessieren. Deshalb haben wir als erste Reaktion auf die Studie ein Videoclip der Europäischen Kommission produziert, das hoffentlich junge Frauen und Männer auf die Branche neugierig macht. Klicken Sie doch mal den Link an: http://ec.europa.eu/enterprise/sectors/mechanical/metalworking/index_en.htm WSM: Sie haben die Studie in einem Workshop in Bilbao/Spanien Ende Juni 2010 vorgestellt. Welche weiteren Schritte planen Sie? Alexandra Jour-Schröder: Der Workshop in Bilbao war der erste Schritt einer breit angelegten Kampagne der Europäischen Kommission für den stahl- und metallverarbeitenden Sektor. Wir haben dort insbesondere Erkenntnis gewonnen, inwieweit die Finanz- und Wirtschaftskrise den Sektor beeinflusst. Die klein- und mittelständische Struktur des Sektors und der Zugang zu Finanzmitteln standen im Zentrum unserer Diskussion. Wir planen weitere Workshops in Belgien und Polen. Die Vorbereitungen für den zweiten Workshop im kommenden Herbst in Brüssel gemeinsam mit der Belgischen EU-Ratspräsidentschaft laufen bereits auf vollen Touren. Dort soll der Akzent auf der Frage liegen, inwieweit die EU-Politik die Branche positiv und negativ beeinflusst. Dazu werden Vertreter der relevanten Dienststellen der Kommission, des Parlaments und anderer EU-Institutionen dort sein. Ich hoffe, dass bis dahin auch der für Herbst 2010 angekündigte Bericht des Wirtschafts- und Sozialausschusses zur Metallverarbeitung vorliegt und in die Debatte einfließen kann. Für die zweite Jahreshälfte 2011 planen wir einen Abschlussworkshop in Kattowitz in enger Zusammenarbeit mit der polnischen Präsidentschaft. Insgesamt sollen die Workshops dazu dienen, einen umfassenden Dialog mit allen Interessenvertretern - der Industrie, ihren Beschäftigten und deren Vertretern, mit nationalen und regionalen Behörden - zu führen. Wir wollen die gewonnenen Erkenntnisse offen diskutieren, gemeinsam nach Lösungen für Probleme suchen und strategische Handlungsfelder in Europa und seinen Regionen definieren. WSM: Werden denn nun Erkenntnisse aus der Studie in europäische Maßnahmen einfließen - und wenn ja, welche? Alexandra Jour-Schröder: Die Europäische Kommission arbeitet derzeit an einer Reihe von Strategiepapieren, u. a. für KMU, zur Innovationspolitik und an einer neuen Industrie-Mitteilung. Die für die metallverarbeitende Branche gewonnenen Erkenntnisse können einen wichtigen Input liefern. Ich denke z.B. an KMU-spezifische Maßnahmen wie die Clusterförderung, den Zugang zu Rohstoffen sowie die zunehmende Internationalisierung der Wertschöpfungskette. WSM: Sie und Ihr Team haben mit der Studie einen wichtigen Beitrag für unsere Branche geleistet. Was erwarten sie Ihrerseits von der Industrie? Alexandra Jour-Schröder: Die Studie war ein erster Schritt. Die daraus gewonnen Erkenntnisse müssen genutzt werden. Dies kann Europa nicht allein. Wir erwarten von der Industrie, dass sie ihrerseits die vorgeschlagenen Maßnahmen prüft und umsetzt. WSM: Frau Alexandra Jour-Schröder, wir danken Ihnen für das Gespräch. Alexandra Jour-Schröder ist Juristin (Studium in Münster und Genf) und arbeitet seit 1996 für die Europäische Kommission in Brüssel. Sie war u. a. neun Jahre Beraterin für EU-Kommissare, zuletzt im Kabinett von Vizepräsident Günter Verheugen von 2004 bis 2007. Seit 2008 leitet Frau Jour-Schröder die Abteilung "mechanische, elektrische und Telekommunikationsanlagen“ in der Generaldirektion Unternehmen und Industrie. Das 30 Mitarbeiter umfassende Team kümmert sich um alle Aspekte der Wettbewerbsfähigkeit für diese Sektoren und erarbeitet die einschlägige europäische Binnenmarktgesetzgebung (z.B. Maschinenrichtlinie).
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